Nachhaltig Austria. Was ist das?

Nachhaltig Austria. Was ist das?

Das Siegel „Nachhaltig Austria“ gibt es seit 2015. Österreichische Weingüter können diese Zertifizierung erlangen, wenn sie bestimmte Kriterien einhalten. Achtung: Mit Bioweinbau hat dieses Label nichts zu tun.

Nachhaltigkeit ist ein Megatrend – besonders im Marketing, denn gefühlt werben mittlerweile so ziemlich alle Unternehmen und Marken damit. Leider wird so das Wort „nachhaltig“ extrem überstrapaziert und in seiner Bedeutung immer verwaschener. Selbst Fast-Food-Ketten, Mineralölkonzerne und Banken heften sich nun „nachhaltige“ Produkte auf die Fahnen.

Der Begriff „Nachhaltigkeit“ stammt ursprünglich aus der Forstwirtschaft, wo er vereinfacht gesagt jenes Prinzip beschreibt, nach dem bei der Nutzung eines Waldes nicht mehr Holz entnommen werden darf, als jeweils nachwachsen kann. Dieses simple Konzept sichert den Bestand eines Waldes. Die Menschheit lebt bereits seit Jahrzehnten nicht mehr nachhaltig. 2022 wurde der Welterschöpfungstag bereits am 28. Juli erreicht – mit diesem Tag hatten wir alle natürlichen Ressourcen aufgebraucht, die die Erde innerhalb eines Jahres wiederherstellen kann. Betrachtet man Österreich selbst, ist die Lage noch deutlich schlechter. Schon am 6. April waren alle Rohstoffe, die bis Ende des Jahres 2022 nachgebildet werden konnten, verbraucht.

Im allgemeinen Sprachgebrauch ist das Wort „nachhaltig“ aber sehr beliebt, wenngleich meist unklar bleibt, was genau hinter einem „nachhaltigen“ Produkt steckt oder stecken soll. Unter dem Schlagwort Nachhaltigkeit lassen sich Produkte auch deshalb so gut vermarkten, weil KonsumentInnen dahinter „Bio“ oder etwas Gleichwertiges vermuten. Das ist jedoch ein Trugschluss. Worum geht es also bei der österreichischen Nachhaltigkeitszertifizierung für Weingüter?

Ökologie, Wirtschaft und Soziales

Die Zertifizierung „Nachhaltig Austria“ richtete der Österreichische Weinbauverband vor sieben Jahren als Marketinginstrument ein. Danach können Weingüter, die gewisse Standards nach dem im unternehmerischen Sinn etablierten Drei-Säulen-Modell der Nachhaltigkeit, welches die drei Bereiche Ökologie, Wirtschaft und Soziales umfasst, erfüllen, ihre Weine mit dem Gütesiegel „Nachhaltig Austria“ kennzeichnen. Beim Prozess der Zertifizierung werden alle Produktionsmaßnahmen in einem Weinjahr, von der Weingartenanlage bis zur Weinvermarktung in der Flasche bewertet. In Summe handelt es sich hierbei um rund 360 Aspekte in den Bereichen Klima, Materialverbrauch, Qualität, Soziales, Ökonomie, Energie, Boden, Biodiversität und Wasser. Erfasst werden diese Parameter für jedes zertifizierungswillige Weingut mittels eines Online-Tools, in welchem der Winzer oder die Winzerin einen umfangreichen Fragenkatalog beantwortet. Das Ergebnis der Auswertung wird in einem Spinnendiagramm dargestellt, das den Nachhaltigkeitsstatus des Betriebes, aber auch Verbesserungspotenziale aufzeigt.

Ein grünes Versprechen?

Wesentlich ist natürlich, welche Kriterien und Parameter bei der Berechnung im Rahmen der Zertifizierung positiv oder negativ bewertet werden. Grundsätzlich gilt nämlich, dass die Nachhaltigkeitszertifizierung nicht auf Geboten und Verboten aufgebaut ist, sondern auf der Bewertung jedes einzelnen gesetzten Arbeitsschrittes, wobei ein etwaiges Minus durch ein Plus in einem anderen Punkt wieder ausgebügelt werden kann. Beispiel: Selbst das im Rahmen eines „grünen Versprechens“ bedenkliche Spritzen von Herbiziden – zur Vernichtung unerwünschter Pflanzen im Weingarten – kann durch andere positiv bewertete Maßnahmen wettgemacht werden.

Tatsächlich ist innerhalb der Zertifizierung „Nachhaltig Austria“ weiterhin der Einsatz aller gesetzlich im Weinbau zugelassenen Spritzmittel möglich – im Gegensatz zum Bioweinbau. Der Traisentaler Winzer Markus Huber meint dazu: „Nachschärfen müsste man hier auf jeden Fall. Herbizide müssten komplett verboten werden, sonst ist das eine Farce. Wir haben dennoch uns zertifizieren lassen, da ich hier neben unserer Bio-Zertifizierung eine zusätzliche Maßnahme sehe, die unsere Bemühungen zeigt, langfristig zu einer nachhaltigeren, ressourcenschonenden Landwirtschaft beizutragen.“ Huber betrachtet das Nachhaltig-Austria-Siegel demnach als ergänzendes Tool zu Bio. Josef Fritz, Winzer am Wagram, sieht es ähnlich: „Für mich ist diese Zertifizierung in Verbindung mit biologischer Bewirtschaftung – wir sind in der Umstellung – eine gute Kombination, die den Kunden Sicherheit bei der Auswahl der Weine gibt, sowohl in ökologischer Hinsicht als auch in sozialen Bereichen.“ Durch das genaue Aufzeichnen und Nachrechnen des Energie-, Material- und Rohstoffverbrauchs seien ihm viele unnötige und unvernünftige Schritte in der Produktion erst richtig klar geworden, betont Fritz. Die Reduktion von Energie- und Materialaufwand zählen zu den besonders positiv bewerteten Arbeitsschritten im Rahmen des Gütesiegels „Nachhaltig Austria“, aber auch zum Beispiel der Einsatz von erneuerbaren Energien, die Förderung der Bodenfruchtbarkeit und die Etablierung von Biodiversitätsflächen.

Ein weiteres Beispiel: Zu den erwähnten „Sozialen Aspekten“ im Zertifizierungstool zählt zum Beispiel „ein gerechter Lohn“, was näher definiert bedeutet: „Beachtung des kollektivvertraglich vereinbarten Mindestlohns“ sowie die „korrekte Bezahlung der kollektivvertraglich und gesetzlich vorgesehenen Überstunden- bzw. Mehrarbeitszuschläge“ und „die Führung von ausreichenden Arbeitszeitaufzeichnungen und Einhaltung der gesetzlichen Arbeitszeithöchstgrenzen“. Die Weingüter sind hier also lediglich gefordert, Gesetze einzuhalten, wenngleich natürlich das, was darüber hinausgeht, positiv bewertet wird.

Verbesserungspotenzial

Die Zertifizierung all ihrer Mitglieder hat beispielsweise auch der Verein Vinea Wachau angekündigt. Vorreiter im Gebiet ist dabei die Domäne Wachau. Geschäftsführer Roman Horvath sagt: „Die einzelnen Aspekte der eigentlichen Zertifizierung sind weniger schwierig zu erfüllen, da stecken wir uns teils höhere Ziele. Als Genossenschaft ist für uns eher die Herausforderung, mit und für 250 Winzerfamilien die administrativen und formellen Schritte auch aufzubereiten.“ Tatsächlich denkt man bei der Domäne Wachau bereits weiter – in Richtung Bio, wie Horvath preisgibt: „Die Zertifizierung ist für uns ein logischer und wichtiger Schritt, die Domäne Wachau, also ein komplexes und vielschichtiges Weingut, schrittweise in die unabwendbare Richtung zu bewegen – nämlich nachhaltig zu wirtschaften und die steilen Terrassenlagen der Wachau biologisch zu bearbeiten und für die nächsten Generationen zu bewahren. Die Nachhaltigkeits-Zertifizierung war ein Schritt auf dem Weg dorthin, weitere folgen.“ Horvath sieht das Tool als dynamischen Prozess, denn Verbesserungspotenzial gäbe es immer. Und tatsächlich gibt es für das Zertifizierungstool jährliche Neuerungen, Anpassungen und Verbesserungen. Verschärfungen durch Verschiebungen der Grenzwerte in den Nachhaltigkeitskategorien sollen eine schrittweise Entwicklung gewährleisten.

Derzeit aber hängt das Qualitätssiegel „Nachhaltig Austria“ dem Weinbau ein grünes Mäntelchen um und kann KonsumentInnen, die wenig Hintergrundwissen besitzen, leicht in die Irre führen. Es darf keinesfalls mit einer Bio-Zertifizierung verwechselt werden.