Benvenuto Brunello! Wie gut ist 2021?

Benvenuto Brunello! Wie gut ist 2021?

Im November 2025 hieß es wieder „Benvenuto Brunello“ und zahlreiche Weinprofis reisten nach Montalcino, wo es diesmal vorrangig um den mit vielen Vorschusslorbeeren bedachten Jahrgang 2021 ging. Was kann er wirklich?

In Montalcino präsentierten etwa 120 Weingüter zwischen 20. und 24. November ihre neuen Weine, wobei die ersten beiden Tage ganz der Preview für die Fachpresse gewidmet waren. Im Rahmen dieses professionellen Tastings habe ich mich in erster Linie auf Brunello di Montalcino vom Jahrgang 2021 konzentriert, aber auch einige Weine in den Kategorien Riserva (Jahrgang 2020) sowie Rosso (2023 und 2024) verkostet, ingesamt fast 250 Weine. Tatsächlich machte der Jahrgang 2021, der nun im Januar 2026 auf den Markt kommt, eine ausgezeichnete Figur. Er präsentiert Sangiovese in seiner puristischen Form – mit präziser Frucht, markanten Tanninen und frischer Säure, wobei sich alle drei Komponenten in bemerkenswerter Balance befinden. Nicht wenige Weine zeigten bereits überraschenden Charme, was aber nicht heißt, dass sie Rückgrat, Tiefgang oder Reifepotenzial vermissen lassen.

Duftig, präzise und vertikal

Von offizieller Seite zieht man in Montalcino zur qualitativen und stilistischen Bewertung eines Jahrgangs seit Kurzem die „Brunello Forma“ heran, ein System, das Daten von Wetterstationen, Analysen zu Hitze- und Wasserstress sowie historische Daten auswertet. Auf dieser Grundlage einigten sich das Consorzio del vino Brunello di Montalcino und ein Verkostungsteam von acht Masters of Wine auf „fragrante, definite e verticale“ als Beschreibung der Charakteristik von 2021, was sich gut mit „duftig, präzise und vertikal“ übersetzen lässt und im Tasting durchaus nachvollziehbar war. „Duftig“ meint in diesem Fall ein helleres aromatisches Profil mit rotfruchtigen und blumigen Noten, eine lebendige, frische Nase mit ätherischen bis mediterranen Anklängen in Abwesenheit von überreifer Frucht. „Präzise“ drückt Finesse, Klarheit und Balance aus; der vollmundige Geschmack, die feinkörnigen Tannine und die Säurepikanz definieren den Jahrgang 2021. Das Attribut „vertikal“ bezieht sich auf die Struktur der Weine, die durchwegs straff – fast schlank – gebaut sind, aber schöne Tiefe besitzen.

© Consorzio del vino Brunello di Montalcino

Ohne viel Stress

Weinbaulich beeinflusste das Jahr 2021 vor allem ein für das Gebiet ungewöhnlicher Spätfrost im April, der das Wachstum verzögerte und die Mengen reduzierte. Auf die Qualität wirkte dies am Ende eher positiv. Die folgende Vegetationsperiode kennzeichnete enorme Trockenheit, doch eine länger andauernde Extremhitze blieb zum Glück aus. So litten die Reben keinen großen Stress, was wohl entscheidend war für die Ausprägung dieses elegant balancierten Jahrgangs, der weder überreife Noten noch harte Tannine zeigt. Die entspannte Lese 2021 begann Ende September und lief bis in den Oktober hinein. Der gewählte Lesezeitpunkt repräsentiert die unterschiedlichen Zugänge und Stilistiken der Weingüter. Eine frühe Lese verlieh Brunello di Montalcino tänzerische Eleganz, brillante Frische, hochfeine Aromen, Charme und einen transparenten Charakter – ganz dem Zeitgeist entsprechend. Andererseits befinden sich auch später gelesene, ungeheuer strukturbetonte Brunellos in bester Balance und üben große Faszination aus. Selbst eine gewollt kräftigere Extraktion und der Ausbau in kleinen Fässern funktionierte hier mitunter prächtig.

Terroir im Fokus

Die stilistischen Unterschiede innerhalb von Brunello di Montalcino entstehen aber auch durch territoriale Eigenheiten: geografische Lage, Seehöhe, Exposition, Wind und Böden. Im Norden von Montalcino ist das Klima etwas rauer und vor allem die kühlen Nächte im Herbst spiegeln sich in der tendenziell knackig-rotbeerigen Aromatik und dem festen, mitunter kantigen Tanningrip, der Flaschenreife braucht. Im Untergrund befindet sich mehrheitlich kalkhaltiger Mergel, es gibt aber auch Lehmböden oder Pietraforte, einen kalkhaltigen Sandstein. Weine vom Kalkmergel zeichnet oft eine salzige Mineralität aus, jene von lehmigen Böden vor allem ihr Körper und ihre Langlebigkeit.
Canalicchio di Sopra ist seit einigen Jahren der große Star im Norden. Das Weingut zählte 1967 zu den Gründungsmitgliedern des Consorzios und wird heute in dritter Generation von Francesco Ripaccioli geführt. Eleganz, lebendige Säure, mineralische Pikanz und Tiefgang zeichnen den Weinstil von Canalicchio di Sopra aus. Der Brunello 2021 erweist sich als hervorragend straff, mineralisch und vertikal strukturiert, rotfruchtig und fabelhaft frisch. Die beiden Einzellagen, Vigna La Casaccia und Vigna Montosoli, deuten bereits großen Charakter an, brauchen aber definitiv noch Reife.
Der vom erloschenen Vulkan Monte Amiata geprägte Süden ist wärmer und trockener, was eine Tendenz zu einer runderen, reiferen Stilistik erlaubt. Der Boden besitzt einen höheren Sandanteil, was allgemein für intensive Aromen, aber etwas weniger kraftvolle Tannine sorgt. Ausschlaggebend ist dazu die Höhenlage – in Montalcino reichen die Weingärten von 200 bis 700 Meter Seehöhe. In hohen Lagen reifen die Trauben später und liefert tendenziell mehr Frische sowie eine kühlere Frucht.

Poggio di Sotto

Einer der absoluten Topweine des Jahrgangs kommt – wenig überraschend – vom Weingut Poggio di Sotto in Castelnuovo dell‘Abate. Höchste Finesse und Eleganz sind hier bereits seit Jahrzehnten Programm. Winemaker Leonardo Berti bestätigt, dass aufgrund des Spätfrosts die Erntemenge etwa 15 Prozent geringer ausfiel. Seinen Brunello keltert er aus mehr als 20 verschiedenen Weingärten in diversen Höhenlagen. „Manchmal fühlen wir uns hier wie in der Wüste“, beschreibt Berti das Klima der vergangenen Jahre, „40 Grad erreichen wir immer wieder und auch in der Nacht kühlt es oft nicht unter 26 Grad ab.“ Den ausgeglichenen Jahrgang 2021 will er am ehesten mit dem Jahrhundertjahrgang 2019 vergleichen und nennt ihn kraftvoll, geschmacksintensiv, vielschichtig und sehr lagerfähig. Seit 2015 werden die Weine von Poggio di Sotto je zur Hälfte in Holz und Beton ausgebaut.

Mastrojanni

Nur wenige Kilometer von Poggio di Sotto entfernt befindet sich das Weingut Mastrojanni, wo die Einzellagen im Fokus stehen und bereits in den Achtzigerjahren fünf verschiedene Riedenweine ausgebaut wurden, darunter Schiena d’Asino und Vigna Loreto. Der Jahrgang 2021 präsentiert sich bei Mastrojanni mit herausragender Eleganz bei warmer Frucht, würzigem Tiefgang, schöner Struktur und feinem Tanningrip. Erst seit 2022 ist die junge Önologin Giulia Härri für die Weine von etwa 40 Hektar Reben verantwortlich. „Wir mögen Tannine, die den Wein lebendiger machen“, sagt Härri und unterstreicht damit ihren Fokus auf Feinheit. Sanfte Extraktion, Vergärung in Betontanks (für Rosso und Brunello) und der besonders langsame Pressvorgang mit den kleinen, nur 350 bis 400 Kilogramm fassenden Pressen sind essenziell. Bei Mastrojanni beeindruckten im Tasting nicht nur die Einzellagen, auch der zugänglichere Brunello di Montalcino (ohne Lage) ist ein Highlight. Seit einigen Jahren ist das Weingut biozertifziert und entwickelt sich nun in Richtung Biodynamie.

La Magia

Ebenfalls südlich der Stadt Montalcino liegt die 1979 vom Südtiroler Harald Schwarz gegründete Fattoria La Magia. Der Keller ist bereits seit 2008 durch eine Photovoltaikanlage energieunabhängig, Fabian Schwarz, der das Weingut seines Vaters seit 2011 führt, stellte um auf Bio. Sein auf 400 bis 450 Meter Seehöhe geernteter Brunello 2021 verbrachte 40 Tage auf der Maische und lagerte drei Jahre in französischen 500-Liter-Fässern. Der Wein beeindruckt durch seine Tanninqualität, ist seidig und doch strukturbetont. Trotz des Alkoholgehalts von 15 Volumsprozent fehlt es hier nicht an Balance. Im Weingarten-Teilstück mit dem Namen „Ciliego“ (Kirschbaum) wachsen auf kargem, steinig-sandigem Boden fast 50 Jahre alte Reben, die einen Wein mit feiner Frucht, floraler Würze und viel Charakter hervorbringen. Die Menge ist auf 2.200 Flaschen limitiert.

Giodo

Zu beeindruckendsten Weinen des Jahrgangs zählt der Brunello 2021 von Giodo, einem im Jahr 2000 gegründeten Projekt des weltberühmten Önologen Carlo Ferrini, das er heute gemeinsam mit seiner Tochter Bianca betreibt. Der 2021er strahlt durch präzise Frucht mit Zitrusnoten, hat feinstes Tannin und spielt herrlich in die Tiefe. Seine Premiere feierte Giodos „Prètto“, der besondere Frische, helle Frucht und Leichtfüßigkeit auszeichnen. Er ist ein Angebot an eine jüngere Generation von Weinfans, die nach etwas früherer Zugänglichkeit sucht.

Weitere Topweine stammen von Salicutti, Argiano, San Polo, San Polino, Sesti, Lisini und Collemattoni, wobei sich das letztgenannte Weingut – Collemattoni – als vielversprechender Aufsteiger präsentierte. Francesca und Marcello Bucci bewirtschaften 13 Hektar unweit von Sant‘ Angelo in Colle. Mit dem Collemattoni Brunello di Montalcino 2021 brachten sie einen sehr vielschichtigen, eleganten Wein mit feinem Fruchtcharme und animierendem Tanninbiss in die Flasche. Chapeau!
FAZIT: 2021 ist ein herausragender Jahrgang, der dem Topjahrgang 2019 nicht an Struktur, aber vielleicht an Finesse überlegen ist.