Manhattan des Mittelalters… und Weißweinmekka

Manhattan des Mittelalters… und Weißweinmekka

Ja, es geht hier tatsächlich um Vernaccia di San Gimignano. Der ist nämlich keineswegs so fad, wie wir Österreicher denken – und eine weiße Ausnahmeerscheinung inmitten der berühmten toskanischen Rotwein-Klassiker.

Türme und Weißwein sind die Wahrzeichen des Städtchens San Gimignano – schon seit dem Mittelalter, als sich die ansässigen Patrizierfamilien durch die Höhe ihrer Turmbauten gegenseitig übertrumpfen wollten. Von einst 72 Geschlechtertürmen sind heute noch immerhin 15 erhalten und die markante Skyline der zwischen Florenz und Siena gelegenen Hügelstadt sticht auch jenen ins Auge, die aufgrund des geschichtsträchtigen Weines nach San Gimignano kommen. Die erste urkundliche Erwähnung von Vernaccia di San Gimignano stammt aus dem 13. Jahrhundert und im Jahr 1966 verlieh man ihm als allererstem Wein Italiens den Status einer DOC (Denominazione Origine Controllata), 1993 erhöht auf DOCG.

Nur, wer kennt ihn noch, den weißen Klassiker aus der Toskana? Um Vernaccia di San Gimignano ist es recht still geworden, im Fachhandel finden wir ihn hierzulande nur selten und Weinauskenner lassen ihn die Nase rümpfend links liegen. Dabei hätte dieser Wein Besseres verdient, wie ich seit den Jahrgangspräsentationen 2019 und 2020 überzeugt bin.

Frisch verkostet

Mitte Februar finden jährlich die „Anteprime di Toscana“ statt, großartig organisierte Verkostungsevents, die nationalem und internationalem Fachpublikum eine fantastische Möglichkeit bieten, die neuen Jahrgänge der toskanischen Weine zu probieren bevor sie offiziell auf den Markt gelangen. So widmete ich mich heuer zwei Tage dem Chianti Classico in Florenz, einen Tag dem Vino Nobile in Montepulciano und zwei Tage der „Benvenuto Brunello“ in Montalcino. Zwischendurch aber brachte der Verkostungstag bei der Anteprima Vernaccia di San Gimignano eine willkommene Abwechslung für den vom Tannin jugendlicher Rotweine beanspruchten Gaumen.

In den Hügeln rund um die mittelalterliche Stadt gibt es etwa 720 Hektar Reben der traditionellen, autochthonen Sorte Vernaccia. Die Weingärten reichen hinauf bis 450 Meter Seehöhe. Vernaccia di San Gimignano ist nicht verwandt mit anderen in Italien ebenfalls als Vernaccia bekannten Sorten, wie zum Beispiel der sardische Vernaccia di Oristano oder der Südtiroler Vernatsch.

Neues Image für den Klassiker

Als Weißwein-Klassiker der Toskana ist Vernaccia sehr bekannt, wurde aber in unseren Breiten oft als neutral, simpel und langweilig wahrgenommen – und wahrscheinlich gab es tatsächlich viele uninteressante Weine. Doch seit einigen Jahren trägt die Qualitätsoffensive Früchte. Das örtliche Winzer-Konsortium hat für Vernaccia di San Gimignano einheitliche Produktionsregeln sowie ganz klar ein erwünschtes Geschmacksbild definiert. Der typisch weinige, aber auch florale Duft der Sorte, die Mineralität und die feine Säurebalance seien gemeinsame Attribute, die man betonen möchte, erklärte Irina Strozzi, die frischgebackene Präsidentin des Consorzio. „Vernaccia ein Wein, der sein Terroir hervorragend ausdrücken kann“, ergänzte dazu Renato Spanu vom Weingut La Lastra, „San Gimignano besitzt viele verschiedene Böden, die wir Winzer in unseren Weinen noch besser herausarbeiten müssen. Wie in Frankreich sollten wir noch mehr auf die einzelnen Lagen fokussieren.“

Zeitgemäß interpretiert

Auch die Anteprima-Verkostung 2020 ließ spüren, dass die Winzer auf dem Weg sind, das Beste aus der Sorte herauszuholen. Immer mehr Weingüter arbeiten biologisch und setzen auf 100 Prozent Vernaccia, obwohl der Verschnitt mit bis zu 15 Prozent anderer Sorten erlaubt wäre. Der eigenständige Charakter von Vernaccia di San Gimignano wird so nachvollziehbar. Viele Weine präsentierten sich mit dezenter, feinfruchtiger Aromatik, saftiger Säure und anregender Frische.

Einer der spannendsten und bekanntesten Betriebe, fast schon eine Institution, ist das seit langen Jahren biozertifizierte Weingut Montenidoli, geführt von Elisabetta Fagiuoli. Eleganz, Mineralität und Finesse haben oberste Priorität, wie der Winemaker Alessio Cecchini betont. Außerdem gibt man den Weinen Zeit. Während viele Produzenten bereits den Jahrgang 2019 zeigten, gab es bei Montenidoli die 2018er. Straff und kühl wirkte der Vernaccia di San Gimignano „Tradizionale“, der kurze Zeit auf der Maische verbringt und im Betontank ausgebaut wird; der würzigere „Fiore“ fiel durch Vielschichtigkeit und Struktur auf. In französischen Eichenfässern hingegen reift der „Carato“, was im Jahrgang 2016 noch spürbar ist, aber bei feiner Pikanz und Fülle viel Potenzial andeutet.

Viel Potenzial

Schlank, zart und präzise bis zu stoffig, pikant und cremig – Vernaccia macht viele Stile möglich. Auch für einen Ausbau im Barrique, vor allem in der Kategorie „Riserva“, eignet sich die Sorte. Andere Winzer gehen den Weg längerer Maischestandzeiten oder setzen auf Maischegärung, wie zum Beispiel Il Palagione beim Vernaccia di San Gimignano „Lei“ oder Alessandro Tofanari (Podere La Castellacia) bei seinem „Astrea“. Biologische Bewirtschaftung der Weingärten, spontane Vergärung und ein Low-Intervention-Zugang im Keller bestimmen seine Arbeitsweise.

Sehr empfehlenswert ist auch das biodynamische Weingut Cappellasantandrea. Der Vernaccia di San Gimignano „Clara Stella“ 2019 bereitet frisch, würzig und knackig ganz große Trinkfreude, während der knochentrockene „Rialto“ 2018 mit Eleganz und Struktur überzeugt.

Nicht leugnen lässt sich bei Vernaccia auch ein gewisses Reifepotenzial. Bei der Spezialverkostung im Sala Dante zeigte sich die Riserva 2013 von La Lastra in Topform, mit duftig-floraler Nase und zarter Frucht, feingliedrig, mineralisch-straff, komplex und rauchig-röstig im Finish. Die Riserva 2013 von Panizzi prägte hingegen noch der Holzeinsatz, brillierte aber mit pikanter Würze, viel Schmelz und Länge. Simone Nicolai (Weingut Panizzi): „Vernaccia muss sich nicht verstecken. Die Sorte kann mit den europäischen Klassikern durchaus mithalten.“